Independencia (2/2)

Jetzt geht’s endlich los und der Bus fährt ab. Die erste Zeit ist die Landschaft noch verhältnismäßig unspektakulär, für mich aber dennoch beeindruckend, dann gings aber endlich steil in die Berge hinauf und hinab, und hinauf und hinab…. Meine erste Andenfahrt bei Tag!

Tiefe Täler, steile grüne Hänge und dazwischen eine schmale Straße, die sich entlangschlängelt.

Ab und zu, gefühlt völlig im Nirgendwo oder an steilen Berghängen, stehen vereinzelte Häuser bei denen du nicht weißt, ob sie noch bewohnt sind oder aus früheren Zeiten stammen.

Lamas haben wir auch ein paar sichten können.

Eigentlich kommen weder meine kurze Beschreibung noch meine Fotos der Wirklichkeit auch nur ansatzweise nahe, aber was soll man machen.

Stellt es euch einfach so beeindruckend wie möglich vor 😀

Dank einem verschmierten Fenster, dass nicht aufging habe ich leider nur sehr wenige Fotos machen können 😀

Gegen Abend sind wir dann endlich in Independencia angelangt, wo wir auch schon von Tabea erwartet wurden.

Auf dem Heimweg wurden wir gleich auf den einzig bislang entdeckten öffentlichen Mülleimer im Dorf aufmerksam gemacht. 😀

Beeindruckend aussehende Kirche oder?

Donnerstag, 2.November Todos Santos ( Allerseelen) (hier im Gegensatz zu Deutschland das wichtigere Fest der beiden).

Am morgen um 9 gings erstmal auf den Friedhof zum Gottesdienst.

Dieser war teils auf Quechua und teils auf Spanisch.

(Bis ich da erstmal draufgekommen bin, dass ich nicht schlecht Spanisch kann, sondern dass er einfach teilweise kein Spanisch spricht, hat merklich zu lange gedauert.Ich schreibe es der frühen Stunde und der knallenden Sonne zu, die wenig Schatten ließ. :D)

Nachmittags kehrten wir wieder auf den Friedhof zurück. Wir wollten ja schließlich die Traditionen hier miterleben.

Der Friedhof hatte sich bis dahin deutlich gefüllt, im Gegensatz zu den vereinzelten Gestalten beim Gottesdienst am Morgen.

Die Gräber der Personen, die weniger als drei Jahre tot waren, waren besonders geschmückt mit Art aufgebauten Altaren vor denen die Familie saß.

Doch erstmal noch zu den Geschehnissen vor dem Beten.

Das BKHW hat, was wir nur am Rande mitbekommen hatten, eine Versammlung einiger Freiwilliger auf diesen Tag gelegt, sodass wir plötzlich im Kreise von gut 20 Deutschen saßen.

Was wohl die Bolivianer da über uns geredet haben?

Es war auf jeden Fall sehr interessant sich mit den anderen austauschen zu können.

Dann machten wir uns auf zum „Beten“.

Das heißt in diesem Fall über den Friedhof laufen, zu den geschmückten Gräbern gehen und fragen, ob man für die jüngst Verstorbenen beten darf.

Falls erwünscht stellst du dich hin, ratterst ein paar Ave Maria oder Vater Unser runter (auf Deutsch und Spanisch) und bekommst als Dank, dass du ihnen hilfst, das Himmelreich zu erreichen, Unmengen an Brot oder Süßigkeiten, die auf Tischen vor den Gräbern ausliegen.

Lila und Schwarz waren die vorherschende Farben dieses Tages 🙂

Tatsächlich haben in diesen Tagen die meisten Bäckereien geschlossen, da es auf dem Friedhof genug für alle gibt. Leider haben wir es nicht geschafft alles Brot, das wir bekommen haben zu verbrauchen, bevor es uns verschimmelt ist.

Was bei vielen noch dazukam, war auf eine Schale Chicha eingeladen zu werden.

Chicha ist eine Art Maismost für den Independencia berühmt ist.

Ablehnen kannst du natürlich schlecht ohne unhöflich zu sein, nur über die Menge ließ sich streiten.

Wenn wir an jedem Grab jeder eine Schale Chicha getrunken hätten, so wie von ihnen gewünscht, hätten wir es vermutlich nicht mal über den halben Friedhof geschafft, der bei einem paar tausend Seelendorf nicht überragend groß ist.

Teilen hieß die Devise und einen großen Schluck an „Pacha Mama“ spenden, d.h. den ersten Schluck auf den Boden schütten um „Mutter Erde“ zu würdigen.

Ich seh schon die entsetzten Blicke vor mir, wenn ich das Zuhause mit einem Bier machen würde.

Mord und Totschlag gäbs da 😀

Dennoch kamen wir nicht immer darum herum und waren deshalb auch ganz froh, den Friedhof irgendwann wieder verlassen zu können 🙂

Ich persönlich finde diese ganze Idee sehr schön, da es alles in einer sehr gelösten, fröhlichen Stimmung stattfand, und nicht wie bei uns nur aus Stille und Trauer, den Toten aber dennoch würdig gedacht wird.

 

Samstags spannten wir nach der anstrengenden Wanderung am Vortag (Siehe vorheriger Blogbeitrag)

erst einmal aus und vertieften uns in wilde Kartenspielpartien.

Wir wussten ja schließlich, dass es nach dem Mittagessen zur SCHAUKEL ging.

Wer dadurch jetzt etwas verwirrt ist, glaubt mir, ich war es auch erstmal.

Noch zum Fest von Allerheiligen dazugehörend wurde im Garten des anderen Zentrums eine gut zehn Meter hohe Schaukel aufgebaut, etwas improvisiert wirkend, aber dennoch sehr sicher , zumindest wenn ich drauf saß.

Ein paar Meter entfernt gibt es noch ein kleineres Tor, an dem kleine Körbchen aufgehängt werden.

Diese sind dazu da um „runtergeschaukelt“ zu werden.

Das kleine Tor schon zum Runterschaukeln bereitgemacht 😀 Das Foto , bei dem man mich beim Schaukeln auf der Riesenschaukel sieht lässt sich leider aus Formatgründen nicht hochladen..

Runterschaukeln heißt, beim Schaukeln – du musst übrigens nicht selber schaukeln , sondern wirst von zwei Leuten mit Seilen angeschaukelt – mit den Füßen den Korb zu packen und runterzureißen.

In den Körbchen sind Brote, gekochte Eier, Süßigkeiten oder sonstige Kleinigkeiten.

Außerdem kann es dir passieren, dass auch ein Zettelchen drin steckt mit einer Aufgabe fürs nächste Jahr.

Alles in Allem eine sehr interessante Tradition :D.

Runtergeschaukelt habe ich zwar nichts, konnte dafür aber einfach so die Schaukel nutzen, um „in den Himmel“ zu schaukeln 😀

Danach sind Sofia und ich noch mit zu einem Fest, zu dem uns Jonas, ein anderer Freiwilliger aus Independencia, eingeladen hat.

Stattgefunden hat es in einem Innenhof an dessen Rand überall Leute saßen.

Wir haben erstmal eine Weile gebraucht, um den Grund des Festes zu erfahren und zwar der erste Haarschnitt der kleinen Tochter des Veranstalters, die mit ihrer Mutter auf einer Decke saß.

Wir haben natürlich auch an den Traditionen teilgenommen, d.h. ein bisschen Geld zu spenden und im Gegenzug dafür eine Haarsträhne des Kindes abzuschneiden.

Danach mussten wir sowohl Kind und Mutter mit Konfetti bestreuen und wurden im Gegenzug auch mit Konfetti bestreut.

Als besonderen Dank hat man uns danach noch ein Bier in die Hand gedrückt , das wir natürlich schwer ablehnen konnten 🙂

Gegen halb 11 machten wir uns wieder auf den Heimweg es gibt ja schließlich „DIE HUNDE“!!

Das Centro Social hat sich nach einigen dreisten Diebstählen vor ein paar Jahren vier Deutsche Schäferhunde angeschafft, die nicht so ganz zu der Sorte Schmußehündchen zählen.

Tagsüber im Zwinger eingesperrt, aus dem sie nur während der Essenszeiten freigelassen werden, sind sie ab halb 11 in der Nacht frei unterwegs.

Wer nach dieser Uhrzeit heimkommt, oder so wie wir sein Badezimmer auf dem Innenhof hat und ein paar Meter laufen muss, sollte sich mit einer Flasche Wasser bewaffnen.

Das hält sie zumindest außer Reichweite .

Und wer jetzt denkt ich übertreibe doch bestimmt:

Es gab bis vor ein paar Wochen eine Katze im Projekt.

Diese „pobre gato“ existiert nicht mehr… war anscheinend nicht schnell genug, oder hatte eben keine Flasche Wasser bei sich…

Mit dieser Geschichte im Hinterkopf haben wir uns immer zweimal überlegt, ob denn der nächtliche Klogang zwingend nötig ist…

Noch ein kurzer Auszug über Flaschengröße in Bolivien :

In Deutschland haben wir ja normalerweise einige unterschiedliche feste Größen, wie 0,5L, 0,33l oder 1,5l.

Was mir bis jetzt in Bolivien so an Größen begegnet sind :

Wasser 600ml Flaschen normalerweise

Bier 0,33 Dosen oder je nach Marke 720ml , 500ml oder 640ml Flaschen

Cola von 133ml bis 3Liter Flaschen alles mögliche

Milch in 960ml Beuteln

Und da soll einer durchblicken!

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